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Amy Winehouse

Amy Winehouse - Foto Copyright: Universal Music

Foto: Universal Music

Bereits mit „Frank“ hatte Amy eine weltweite Fanbase für sich gewinnen können, sie war im Handumdrehen zu einer der herausragenden neuen Stimmen der Popwelt avanciert. Ihre Musik gab tiefe Einblicke in ihr Wesen, ihre Songs waren absolut natürlich, und in ihnen schlummerte zudem eine sehr seltene Kombination aus Humor und „Soul“. Amy hatte dem Erbe der großen (Soul-)All-Stars ihren ganz persönlichen Jazz-Witz aufgedrückt und damit ganz beiläufig den Kern des Menschseins getroffen. Wie aber sollte sie nun weitermachen?


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Musikalisch war sie sich von Anfang an sicher. Amy wusste ganz genau, in welche Richtung die klangliche Reise als nächstes gehen sollte. „Ich wollte nicht mehr allzu tief in den Jazz-Bereich eintauchen. Das hatte ich schließlich schon auf dem Vorgänger gemacht“, berichtet sie heute, während sie es sich in der Ecke ihrer Lieblingskneipe in Camden gemütlich macht. „Ich hatte einfach keine Lust mehr auf die ganzen komplizierten Songstrukturen, und ich brauchte stattdessen etwas ganz Simples! Etwas Zugängliches. Als ich anfing, mir über die zweite Platte Gedanken zu machen, hörte ich gerade unwahrscheinlich viele Girl-Groups aus den Fünfzigern und Sechzigern. Was grandios war, denn deren Songs waren durch und durch einfach gestrickt. Simples Zeug. Und so begann ich, auch meine eigenen Songs ein wenig klarer und simpler zu strukturieren.“ Besagte Ausrichtung kann man bereits in dem an die Supremes erinnernden Intro von „Back To Black“, ihrem zweiten Album, raushören. Aber damit noch nicht genug: Während sich besagte Girl-Groups aus früheren Dekaden, denen sie zeitweilig verfallen war, stets auf ihre Stimmen konzentrierten, kann Amy zugleich wie eine Aretha Franklin klingen („Just Friends“) oder aber einen Gospel- bzw. Spiritual-Song mal eben gänzlich trockenlegen, wie im Fall von „Rehab“ geschehen, dem Eröffnungsstück des kommenden Albums. Die konsequente Frage lautet also: Welche andere britische Sängerin vollbringt es bitte, die ersten Textzeilen ihres Albums – „try to make me go to rehab/I say no, no, no“ – in eine Art Kirchen-Pop-Rundumschlag zu verwandeln?

Mit ihrem klassischen Rüstzeug ausstattet – bestehend aus einer Akustikgitarre, einer unbedingt lebensnotwendigen Schachtel Kippen und einem Kopf (Bauch?) voller Ideen –, machte sich Amy also an die Arbeit: Sie wollte diejenigen Erfahrungen, die sie seit der Veröffentlichung von „Frank“ gesammelt hatte, endlich in etwas Greifbares, sprich: in Songs, umwandeln. Dazu muss man wissen, dass Amy immer dann zu Höchstform aufläuft, wenn sie sich mit Geschichten aus ihrem eigenen Leben befasst: „Wenn ich es nicht am eigenen Leib erlebt habe, dann kann ich daraus auch keinen Song machen. So einfach ist das. Für mich muss ein Song einfach autobiographische Züge haben.“ So verwundert es kaum, dass Amy den kreativen Prozess mit Tagebuchschreiben vergleicht. „Man könnte fast schon von einem Exorzismus sprechen. Ich lasse einfach alles raus. Wenn ich diesen Kanal nicht hätte, um meine Erfahrungen zu verarbeiten, wäre ich absolut verloren.“ Das Wort „verloren“ hat für Amy genau diejenige Bedeutung, die es auch schon für die unvergessenen Soul-Größen früherer Dekaden hatte: Um das zu erkennen, muss man sich nur auf die herzzerreißende Metaphorik des raffinierten „Love is a Losing Game“ einlassen. Der Song ist beispielhaft für Amys Songwriting: bündig, auf den Punkt gebracht und – wichtiger noch – ausnahmslos von ihren Gemütsbewegungen durchzogen.

Kommen wir also zu den Gefühlen, die Amy auf ihrem neuen Album artikuliert. Nur: Wo soll man anfangen? Bei dem NAS-Konzert vielleicht, das sie dann doch nicht sehen konnte, weil ihr irgendein Typ kein Ticket organisiert hatte? Wie bitte schafft man es, aus einer solchen (alltäglichen?) Episode eine Geschichte zu stricken, die von Frauen und Macht handelt, wie sie es im Fall von „Me and Mr. Jones“ bewerkstelligt? Oder bei der ewigen Dreiecksbeziehung, bestehend aus ihr, einem Exfreund, der sich schon frühzeitig als Verlierer herausstellte, und einem weiteren Typen, der ihren Namen – umrahmt von einem Herzen – als Tattoo auf dem Körper trägt? Oder beim Herzschmerz, ganz allgemein? Bei demjenigen Gefühl, das sich einstellt, wenn man frisch verliebt ist? Oder doch lieber beim epiphanieähnlichen Hochgefühl, das man immer dann in seiner Brust trägt, wenn man plötzlich realisiert, dass man selbst haargenau dieselben Fehltritte machen kann, für die man seine Mitmenschen stets verachtet hat (wie sie ganz unverblümt auf „I’m No Good“ berichtet)?

Oder geht es hier vielleicht um die Definition desjenigen schwarzen Lochs, in das man immer dann fällt, wenn einem alles aus dem Ruder läuft? Geht es um dieses Loch, aus dem man sich nur mit eigener Kraft wieder herausmanövrieren kann? Besagtes Loch ist in gewisser Weise der Protagonist des Titelstücks ihres neuen Albums, „Back To Black“. Sicherlich bewegen Amy die großen Themen – beispielsweise wie man sich verliebt und entliebt –, aber sie ist ebenso überzeugend, wenn sie sich textlich darüber auslässt, dass wieder einmal ein x-beliebiger Typ bei ihr in die Wohnung reingeplatzt ist und ihr den kompletten Grasvorrat weggeraucht hat („Addicted“). Kurzum: Amy ist eine wahnsinnig smarte und lustige Lady. Man wird wohl kaum betonen müssen, dass allein diese beiden Wesensmerkmale sie zu einer absoluten Ausnahmeerscheinung im aktuellen Popgeschehen machen...

Dank ihrer neuen Herangehensweise hat Amy es bewerkstelligt, die aufregendsten Songs ihrer bisherigen Karriere zu schreiben. Die unverblümten und vor allem komplett angstfreien Texte, die sie schreibt, sind in der Tat einzigartig. Während andere Mädels in ihrer Altersgruppe – schließlich ist sie gerade mal 22 Lenze jung – entweder ihre Gefühlswelt in leichtverdauliche Zeichentrick-Motive ummodellieren oder gar auf komplett standardisierte Pop-Emotionen zurückgreifen, gibt es für Amy nur einen Weg: Sie will absolut offen und ehrlich sein. Sie muss, um genau zu sein. „Warum sollte man sich auch bitte hinter irgendwelchen Klischees verstecken? Was hätte man davon?“, fragt sie mit lebhaftem Charme. Zugleich weiß Amy, dass sie auch verdammt leichtfüßig und lustig sein kann. „Beides muss in der Musik artikuliert werden. Das Leben ist schließlich lustig und traurig, manchmal sogar beides zugleich.“

Für die Aufnahmen, die zu ihrem neuen Album führten, hat sie sich erneut mit dem „Frank“-Produzenten Salaam Remi zusammengetan. Sie flog für zwei Wochen ins warme Miami, wo die beiden zwischen Tür und Angel die Aufnahmen erledigten und sich derweil die schon einmal erlebte Magie zwischen ihnen erneut einstellte. Direkt im Anschluss ging’s für sie weiter nach New York, wo sie mit dem derzeitigen Überflieger-Produzenten Mark Ronson arbeitete, der zwar zeitgleich an den Alben von Lily Allen, Robbie Williams und Christina Aguilera schraubte, aber sie doch noch in seinem Terminkalender unterbringen konnte. In der insgesamt dreiwöchigen Aufnahmephase geschah laut Amys Aussage folgendes: Sie konnte ihren neuen (Retro-)Ansatz wiederum überdenken und präzisieren, indem sie ihre Vorliebe für klassische Girl-Groups zwar im kreativen Prozess mit einbezog, ihren Sound allerdings einzig und allein im hypermodernen Jetzt verankerte. „Heute bin ich mir gar nicht mehr sicher, wie wir es in der kurzen Zeit überhaupt geschafft haben, eine derartig schlüssige und runde Platte aufzunehmen. Damals, zu Beginn der Aufnahmephase, wusste ich es jedoch genau, als ich mich dazu entschloss, alles in nur wenigen Wochen in den Kasten zu bekommen. Da war ich mir absolut darüber im Klaren, wie der Sound zu sein hatte.“ Sämtliche Songs, die Amy auf ihrem neuen Album präsentiert, bewegen sich im klassisch-dreiminütigen Pop-Rahmen. Nichts ist hier zu dick aufgetragen. „Back To Black“ ist ein in sich geschlossenes Werk, das man am besten am Stück durchhört.

Fragt man sie danach, kann Amy nicht genau sagen, wie sie zu derjenigen jungen Frau geworden ist, die sich heute in besagter Eckkneipe rumlümmelt. Sie weiß nicht so genau, wie es kommt, dass sie beispielsweise vor den Schattenseiten des Lebens keine Angst hat. Auch kann sie einem nicht verraten, wie sie es immer wieder schafft, diese Schattenseiten auszuleuchten und sie zu geistreichen Geschichten (Songs!) umzuformulieren. Sie ist jedoch glücklich, dass alles so gekommen ist. „Mir ging es immer um Gefühle. Denn ich weiß, wie sehr mir ein Song helfen kann, wenn es mir gerade schlecht geht. Ich muss einfach nur einen Song schreiben und vortragen, und schon verschwinden diese unschönen Gefühle wieder. Ich verstehe mich persönlich immer dann am besten, wenn ich gerade einen Song geschrieben habe.“ Aber die Musik ist für Amy weitaus mehr als ein kathartischer Abwehrmechanismus. Sie durchzieht sämtliche Bereiche ihres Lebens, ist, wenn man so will, ihre Lebenslinie. In den zwei Jahren, die seit der Veröffentlichung von „Frank“ vergangen sind, in diesen 24 Monaten, in denen die redselige Amy im Rampenlicht gestanden hat, haben sich laut ihrer Auffassung einzig die Umstände geändert. Sie ist laut eigener Aussage noch immer dieselbe Amy wie früher. Und doch kann man an gewissen Dingen leichte Veränderungen ausmachen: Wie sie sich bewegt, wie sie ihre Augen (vielleicht etwas aggressiver als zuvor) schminkt und wie sie ihr langes, schwarzes Haar ins Gesicht fallen lässt. Man kann heute ansatzweise erkennen, wie Amy Winehouse „erwachsen“ wird, wie sie sich von einem Mädchen zu einer Frau entwickelt. Eine Entwicklung übrigens, die ihr hervorragend steht.

Wie endet diese Geschichte von Amy nun? Sicher wird es euch, werte Leser, erfreuen zu erfahren, dass sie vor wenigen Monaten einen jungen Mann kennen gelernt hat – sie beide sind doch tatsächlich am selben Tag auf die Welt gekommen! Klingt nach Schicksal, nicht wahr? Er liebt sie, und sie liebt ihn. Die Dinge scheinen sich also zu fügen. Amy ist derweil dabei, ihr Leben weiterhin zu ordnen. Auch befindet sie sich weiterhin auf einer spirituellen Sinnsuche und versucht, diejenigen Geister zu bekämpfen, die ihr bis hierher gefolgt sind. Sie erledigt all das natürlich mit einem Lächeln auf den Lippen. In den mit Funk-Einlagen durchzogenen Tracks von „Back To Black“ kann man daher wiederholt heraushören, wie sie ihr Leben Schritt für Schritt auf die rechte Bahn lenkt.


Diskographie

Back to Black incl. Valerie (Deluxe Edt. )

Single

Island (Universal)

Back to Black

Album

Island (Universal)

Love Is a Losing Game

Single

Island

Maximum Amy Winehouse

Album

Chrome Dre (in-akustik)

Frank

Album

Universal Music






Artikel von: Redaktion Quelle: Universal Music Letztes Update: 26.03.2008








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