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Muhabbet

Muhabbet - Foto Copyright: Cem Günes

Foto: Cem Günes

Eine Jugend in Köln-Bocklemünd
Eigentlich ein typisches Leben in Köln-Bocklemünd in den 90-er Jahren: Hier wohnt Murat Ersen, Jahrgang 1984, zusammen mit seinen Eltern, seinem Bruder Levent und seiner Schwester Arzu in einem unscheinbaren Wohnblock.


Verwandte Genres

Pop RnB

Biographie

Der Vater arbeitet als ausgebildeter Energieanlagen-Elektroniker in der Produktion bei Ford, die Mutter ist zu Hause. Der Alltag der Kinder im Viertel ist trist und besteht aus Schule und dem Straßenleben in einem sozialen Brennpunkt. Der elfjährige Murat nennt sich Muhabbet - was so viel bedeutet wie „intelligente, angenehme Kommunikation“. Was ihn von den anderen Kids unterscheidet ist, dass er seinen Schmerz und seinen Frust nicht „raushaut“ sondern in Texte verpackt, die er vor sich hin singt. Und zwar so, wie er es von zuhause kennt. Seine Gesangslehrer sind Ibrahim Tatlises, Müslüm Gürses oder Orhan Gencebay, die ganz Großen des türkischen Arabesk. Doch da ist noch etwas: die deutsche Straße, Hip Hop und R’n’B. Wie selbstverständlich kombiniert Muhabbet seine musikalischen Einflüsse. Aus diesen Wurzeln wächst etwas ganz Neues: R’nBesk.
Ein guter Tag endet mit einem neuen Song Muhabbet singt in seiner Muttersprache: auf Deutsch. Doch durch seine Adern pumpt türkisches Blut. Das prägt seinen musikalischen Stil. Von Anfang an textet, komponiert und singt der junge Künstler wie besessen. Musik wird seine Hauptbeschäftigung. Um seine Musik herum zerlegt sich seine Welt zunehmend in ihre Einzelteile. Muhabbet ist hyperaktiv, kann sich schlecht konzentrieren und hat große Probleme in der Schule. Er reagiert allergisch auf Willkür und geht in seinem Ärger bis ans Limit. So genannte Respektspersonen geht er direkt an, wenn sie ihn oder auch andere ungerecht behandeln. Natürlich macht er auch vor Lehrern keinen Halt. Einzig die Direktorin hat einen Zugang zu ihm und spricht Klartext. Sie bewahrt ihn mehrfach vorm Schulabbruch. Im Bocklemünder Jugendzentrum „Offene Tür“ rennt Muhabbet sprichwörtlich offene Türen ein. Die Leiterin erkennt die außergewöhnliche Begabung und unterstützt die musikalische Entwicklung von Muhabbet: sie stellt ihm und seinem Bruder einen PC zur Verfügung. Songs entstehen jetzt endlich am Fließband. Weg von zuhause, rein ins Studio
Die Situation zuhause ist wie bei vielen anderen Familien in sozialen Brennpunkten: Nahkampf. Unverständnis an allen Fronten. Muhabbet haut immer wieder ab.
Schließlich zieht Muhabbet aus und mit seinem Bruder Levent zusammen. Die Brüder wohnen nun in der Wohnung neben ihren Eltern. Ihren Alltag bestimmt Musik. Zusammen mit seiner Crew, der K-Kollabo, spuckt Muhabbet einen Song nach dem anderen aus: Lieder über Hass, Liebe, Verzweiflung, über das, was jeden Tag um ihn herum passiert. Im Jahr 2003 tauchen einige seiner Lieder unter falschem Namen im Internet auf und machen rasend schnell die Runde. Dann schon lieber selbst, denken die Ersen-Brüder, und bieten auf der eigenen Homepage ihr gesamtes Werk zum Download an. In wenigen Monaten werden die Tracks von Muhabbet mehr als eine Viertelmillion Mal heruntergeladen. Jeder aus der orientalischen Community kennt mindestens einen seiner Songs und kann ihn auswendig mitsingen.
Ein Traum wird wahr: der Plattenvertrag
Von Anfang an hat Muhabbet sein Ziel vor Augen und verliert es in dem ganzen Chaos niemals aus den Augen. Folgerichtig plant er 2005 eine Deutschlandtournee. Zwei Monate lang tingelt er durch 30! Clubs des Landes. Das Publikum ist begeistert. Das große Finale der Tour findet in Berlin statt: auf dem Türk Günü, dem Tag der Türken am Brandenburger Tor, spielt er vor 150.000 begeisterten Menschen. Die Fans singen mit – auf Deutsch. Der Auftritt schlägt ein. Produzent Ünal Yüksel von Plak Music ist am Telefon und holt Muhabbet zu Gesprächen nach Berlin. Und nimmt ihn unter Vertrag. Kurze Zeit später ist Muhabbet Künstler von SonyBMG.
Sein Bruder Levent bleibt in Bocklemünd und widmet sich voll und ganz der K-Kollabo. Nach wenigen Monaten erscheint Muhabbet’s erste Single „Sie liegt in meinen Armen“, die sich 60.000-mal verkauft. Damit erobert er The Dome, VIVA und die Charts. Das im April 2006 folgende Album „R’nBesk“, ein Best of Album, geht 30.000-mal über den Ladentisch.
Muhabbet wird Supertürke
Muhabbet zieht nach Berlin-Neukölln, hat aber kaum Zeit, dort heimisch zu werden. Eine Autogrammstundentour durch 28 deutsche Städte (von Friedrichshafen über Hamm bis nach Lüneburg) stellt die Organisatoren vor ein Problem. Statt der erwarteten Handvoll Autogrammjäger erscheinen bis zu 2.000 begeisterte Fans. In Offenbach wird die Musikabteilung einer großen Ladenkette in Einzelteile zerlegt, weil die Fans kein Halten mehr kennen. Zwölf weitere Städte folgen auf seiner Live Tour und Muhabbet spürt: er hat Fans, die in der ganzen Republik sitzen und die alle eines Gemeinsam haben: sie sind Einwandererkids. Auch in den Medien wird er inzwischen gefeiert – die Hürriyet schreibt regelmäßig über ihn, nennt ihn den „deutschen König des R’n’Besk“ und widmet ihm die Titelseite der Silvester-Ausgabe 2005. Der SPIEGEL (Nr.046/06) titelt : „Der unbekannteste Superstar Deutschlands“, im STERN (Nr.06/07) gehört er zu den neuen „Supertürken“, denen das Magazin einen großen Artikel widmet. Muhabbet ist immer wieder Gast in den größten türkischen Fernsehshows. Dort wundert man sich über diesen erfolgreichen Almanci (Deutschländer) und ist stolz auf ihn. Auch im deutschen Fernsehen und Hörfunk ist er immer häufiger zu sehen und zu hören.
Sinnbild für die Annäherung von Orient und Okzident
Muhabbet ist UNICEF-Repräsentant und Partner der Anti-Gewalt-Kampagne „Schau nicht weg“ der BRAVO. 2006 begleitet er den deutschen Außenminister Frank Walter Steinmeier zu einer Konferenz der Ernst-Reuter-Initiative für deutsch-türkischen Kulturaustausch nach Istanbul, wo Steinmeier ihn zum Botschafter des Projekts ernennt. Bald trifft er auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Neben Gentleman, Silbermond und anderen deutschen Musikgrößen wird er Frontliner der School Jam Initiative. Er singt als Headliner vor 28.000 ausgeflippten Fans auf dem Gazi Festival im Stuttgarter Kickers Stadion. Er ist „Vorbild des Jahres 2006“ der SOS Kinderdorf Initiative Berlin. Nebenbei schreibt er etwa 40 Songs für sein neues Album und singt zusammen mit dem deutschen Skandalrapper Fler den Song „Cüs Junge!“. Muhabbet ist der erste deutschsprachige Internet-Star in einer weltweit vernetzten Internet-Community. In Istanbul, Berlin, Lüneburg, Diyarbakir, Rotterdam, Oslo, Friedrichshafen, Mannheim und natürlich Köln-Bocklemünd singen die Kids seine Lieder auswendig mit.
Innerhalb von 18 Monaten stellt sich das Leben von Muhabbet auf den Kopf.
Raus aus dem Bocklemünder Wohnblock und rein in die Welt des Musikbusiness, Gespräche mit Politikern und intensiver Austausch mit zahlreichen Fans auf Deutschlands Straßen, Produktionen in Istanbul und Berlin… Muhabbet macht dabei die ganze Zeit, was sein Name verspricht: er kommuniziert und erstattet Bericht. Er gibt Einblicke in Gefühls- und Gedankenwelten von den Kids, die noch heute als Menschen mit Migrantenhintergrund bezeichnet werden. Dabei sind sie längst angekommen. Muhabbet weiß das.







Artikel von: Redaktion Quelle: SonyBMG Letztes Update: 20.05.2008








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